Einheit Schluckdiagnostik und Schlucktherapie
Die Einheit für Schluckstörungen ist in die neurologische Fachabteilung der m&i-Fachklinik Herzogenaurach integriert und bietet für stationäre, aber auch für ambulante Patienten analog zu den erfolgreich arbeitenden „Swallowing Centers“ in den USA eine hochspezialisierte Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen (Dysphagien) an. Letztere sind sehr häufig; so leiden beispielsweise über 50 Prozent aller Schlaganfallpatienten in der Akutphase an einer oftmals sehr schweren Schluckstörung.
Zu spät erkannt oder nicht adäquat behandelt, können neurologisch bedingte Dysphagien (neurogene Dysphagien) auch heute noch zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie beispielsweise Lungenentzündung führen. Hier bietet das „Schluckteam“ umfassende und wissenschaftlich fundierte Behandlungsmöglichkeiten. Im Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes mit der langjährigen Erfahrung der sprachtherapeutischen Abteilung sowie mit den physio- und ergotherapeutischen und pflegerischen Abteilungen können nachhaltige Behandlungserfolge erzielt werden.
An der Fachklinik Herzogenaurach besteht seit Ende 2007 eine Einheit für Schluckstörungen. In diesem Bereich wird in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht ein hoher Standard erfüllt, was u.a. auf der Tatsache beruht, dass das Schluckzentrum wissenschaftlich von Herrn Dr. Mario Prosiegel, der über eine spezielle Expertise in diesem Bereich verfügt, betreut wird. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit seien erwähnt:
- die für die Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie (DGNKN), deren 1. Vorsitzender Herr Dr. Prosiegel war, unter seiner Federführung erarbeiteten „Qualitätskriterien und Standards für die Diagnostik und Therapie von Patienten mit neurologischen Schluckstörungen: Neurogene Dysphagien – Leitlinien 2003 der DGNKN“ (www.dgnkn.de),
- die für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) im Jahre 2005 und jetzt in aktualisierter Form für 2007 unter seiner Federführung erarbeitete Leitlinie „Rehabiliation neurogener Dysphagien“ (www.dgn.org), aktuelle Revision 2008
- an der FK Herzogenaurach durchgeführte klinische Dysphagieforschung, z.T. in Kooperation mit der Abteilung Phoniatrie des Universitätsklinikums Erlangen
- zahlreiche Publikationen von Dr. Prosiegel zum Thema neurogene Dysphagien in Fachjournalen und Büchern
- die mit der Abteilung Phoniatrie des Universitätsklinikums Erlangen, der Logopädieschule an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Logopädie-Praxis am Waldkrankenhaus Erlangen und der Neurologischen Klinik Rummelsberg seit Ende 2004 bestehende mittelfränkische Arbeitsgemeinschaft für Schluckdiagnostik und –therapie, die 2007 in Zusammenarbeit bereits zum dritten Mal den „Mittelfränkischen Dysphagie-Tag“ ausrichtete.
Speziell umfasst die Schluckdiagnostik:
- spezifische Anamneseerhebung
- routinemäßige klinische Screening-Verfahren
- apparative Verfahren
- fast immer die flexible Videoendoskopie des Rachen- und Kehlkopfbereichs (transnasale flexible endoskopische Evaluation des Schluckens [FEES])
- seltener eine radiologische Untersuchung des Schluckaktes in Form der sogenannten Videofluoroskopie des Schluckens (VFSS).
In therapeutischer Hinsicht kommen zum Einsatz:
- Verfahren der Restitution = Versuch, gestörte Funktionen wieder herzustellen; z.B. Kräftigung der Muskulatur, die die Kehlkopfelevation bewirken und damit den Schluckakt initiieren.
- Verfahren der Kompensation = Durch Ersatzstategien wird die gestörte Funktion „umgangen“; z.B. Kopfdrehung zur gelähmten Rachenseite und dadurch Abschlucken über die nicht betroffene Pharynxseite.
- Verfahren der Adaption = Die Umwelt wird der Funktionsstörung angepasst; z.B. Änderung der Nahrungs- bzw. Flüssigkeitskonsistenzen. (Es handelt sich um eine der wichtigsten Methoden, da es in über 95% gelingt, mindestens eine Konsistenz zu finden, bei der schluckgestörte Patienten aspirationsfrei abschlucken können.)
- supervidierte Essgruppen und spezielle Kostformen (siehe auch 4.10)
- Anlage einer PEG in Zusammenarbeit mit unserer internistischen Abteilung bei Vorliegen der entsprechenden Indikationen.
Die Entwöhnung von der Trachealkanüle bei schluckgestörten Patienten erfolgt nach einer standardisierten Vorgehensweise (in Anlehnung an die Konzepte von Dr. Schlaegel, früher Burgau).
Ernährung/Diätassistenz
Das Angebot spezieller Kostformen beinhaltet auch solche, die für unterschiedliche Kau-Schluckstörungen geeignet sind.
In Zusammenarbeit mit entsprechend fortgebildeten Pflegekräften bzw. Therapeuten wurde ein Stufenplan erarbeitet, der beginnend mit der Stimulationskost bis zur Kau-Schluck-Stufe V an die zunehmende Verbesserung des Schluckreflexes und des gesteuerten Schluckakts beim jeweiligen Patienten angepasst ist. Diese Kau-Schluck-Stufen können gleichzeitig auf entsprechende Diätkostformen, wie etwa bei Diabetes mellitus oder Hypercholesterinämie übertragen werden. Besonders bei den Kau-Schluck-Stufen II und III, bei denen das Essen in (fein)pürierter Form angerichtet wird, ist die Akzeptanz beim Patienten unter Umständen nicht wie gewünscht, auch wenn grundsätzlich frische Zutaten in der Regel aus Komponenten des Tagesmenüs zum Einsatz kommen. In solchen Fällen wird durch Zufuhr von Zusatznahrung über PEG, Trinknahrung oder hochkalorische bzw. proteinreiche Ergänzungsnahrung eine bedarfsgerechte Kalorien- und Nährstoffzufuhr erreicht, wenn dies allein über die Kau-Schluck-Kost (noch) nicht möglich ist.
Insbesondere bei chronisch fortschreitend verlaufenden Erkrankungen aus dem neurodegenerativen oder neuromuskulären Formenkreis ist es sinnvoll, um durch Schluckstörung bedingte Mangelernährung und Austrocknung zu vermeiden, rechtzeitig im Krankheitsverlauf eine PEG anzulegen, um die bedarfsgerechte Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr sicherzustellen. Der Patient kann und darf dann essen und trinken, worauf er Lust hat oder was er noch ohne Gefahr schlucken kann, ohne unbedingt ein bestimmtes Quantum an Nahrung und Flüssigkeit schaffen zu müssen. Dies verbessert evidenzbasiert nach mehreren Studien die Krankheitssymptome und die Lebensqualität. Ethische Fragen in Zusammenhang mit der Ernährung über PEG werden mit Patient und Angehörigen ausführlich diskutiert, insbesondere bei langfristig tödlich verlaufenden Erkrankungen.
In jedem Fall sind auch Beratung und Information von Patientenangehörigen selbstverständlich. Ihre Mitarbeit ist sowohl im klinischen wie auch nach der Rehabilitation im häuslichen Umfeld von großer Bedeutung.
